Warum kommen meine Schmerzen nach der Physiotherapie wieder?

Die Physiotherapie hat geholfen, doch einige Zeit später sind die Schmerzen wieder da. Warum passiert das? Wiederkehrende Beschwerden können unterschiedliche Gründe haben. Manchmal liegt die Antwort dort, wo wir sie nicht vermuten. Ein genauerer Blick auf Körper, Nervensystem, Alltag und persönliche Erfahrungen kann zeigen, was bisher möglicherweise übersehen wurde.

Während der Physiotherapie wurden deine Beschwerden besser. Vielleicht waren sie zeitweise sogar ganz verschwunden. Du konntest dich wieder besser bewegen, hast deine Übungen gemacht und im Alltag wieder mehr Vertrauen in deinen Körper gewonnen.

Doch einige Wochen oder Monate später meldet sich der Schmerz erneut.

Das kann verunsichern und die Frage aufwerfen: Warum kommen die Beschwerden wieder, obwohl mir die Physiotherapie doch geholfen hat?

Die Antwort darauf ist nicht immer dort zu finden, wo es schmerzt – und auch nicht automatisch in der bisherigen Behandlung.

Wenn Schmerzen wiederkommen, lohnt sich ein genauerer Blick

Schmerzen können aus unterschiedlichen Gründen wieder auftreten. Manchmal ist die Erklärung ziemlich einfach. Manchmal müssen wir unsere bisherige Annahme über die Beschwerden noch einmal hinterfragen.

In meiner Arbeit interessiert mich deshalb nicht nur, wo es weh tut, sondern vor allem:

Was trägt dazu bei, dass die Beschwerden wieder auftreten – und welche unserer bisherigen Annahmen erklärt die Situation möglicherweise noch nicht ausreichend?

Dabei begegnen mir vier Bereiche, die ich genauer betrachte.

1. Du hast aufgehört, das zu tun, was dir geholfen hat

Während der Physiotherapie werden die Übungen noch regelmässig durchgeführt. Die Termine geben Struktur, die Beschwerden erinnern an die Notwendigkeit und erste Fortschritte motivieren.

Dann geht es besser.

Der Alltag kehrt zurück. Die Übungen werden seltener, der regelmässige Trainingsbesuch fällt häufiger aus – und irgendwann schleichen sich die Beschwerden wieder ein.

Interessanterweise lautet der erste Gedanke dann häufig nicht:

„Vielleicht sollte ich wieder anfangen, das zu tun, was mir geholfen hat.“

Stattdessen entsteht schnell die Befürchtung, dass etwas übersehen wurde oder die Therapie das Problem nicht nachhaltig beseitigt hat.

Damit kann ein neuer Kreislauf aus Abklärungen, Behandlungen und Enttäuschungen beginnen.

Oder der Zweifel richtet sich gegen einen selbst:

„Ich bin einfach nicht diszipliniert genug.“

Manchmal stimmt es tatsächlich: Wir wissen, was uns guttut, tun es aber nicht konsequent genug.

Doch manchmal lohnt sich die nächste Frage:

Warum eigentlich nicht?

Vielleicht passt die Übung nicht gut genug in deinen Alltag. Vielleicht erscheint sie dir nicht mehr relevant, sobald die Schmerzen verschwunden sind. Vielleicht brauchst du eine andere Form der Umsetzung.

Und manchmal liegt hinter dem Nicht-Tun noch etwas anderes.

Dann wird es interessant zu untersuchen, was die Veränderung für dich eigentlich bedeuten würde.

2. Wir haben am falschen Ort nach der Ursache gesucht

Der Ort, an dem du Schmerzen wahrnimmst, muss nicht zwangsläufig der einzige relevante Ort für deine Beschwerden sein.

Unser Bewegungsapparat arbeitet nicht in isolierten Einzelteilen.

Bewegungseinschränkungen, Kraftdefizite oder veränderte Bewegungsstrategien in einem Bereich können beeinflussen, wie andere Bereiche belastet werden.

Eine eingeschränkte Beweglichkeit des Fusses kann beispielsweise den Ablauf beim Gehen verändern. Fehlende Kraft oder Kontrolle rund um die Hüfte kann wiederum beeinflussen, welche Anforderungen am Knie entstehen.

Wenn dein Knie schmerzt, ist es deshalb zwar wichtig, das Knie zu untersuchen, doch manchmal reicht es nicht, ausschliesslich dort zu behandeln, wo der Schmerz wahrgenommen wird.

Genau deshalb ist eine ausführliche Untersuchung wichtig.

Wir brauchen eine Hypothese darüber, welche Strukturen und Funktionen tatsächlich zur aktuellen Situation beitragen.

Und manchmal müssen wir diese Hypothese korrigieren.

3. Dein Schmerz wird von mehr beeinflusst als nur vom Gewebe

Schmerz ist keine einfache Messung darüber, wie stark ein Gewebe beschädigt ist.

Unsere Schmerzerfahrung wird von biologischen, psychologischen und sozialen Faktoren beeinflusst.

Das bedeutet nicht, dass Schmerzen „nur im Kopf“ sind.

Es bedeutet vielmehr, dass unser Nervensystem Informationen aus vielen unterschiedlichen Quellen verarbeitet.

Eine frühere Verletzung kann beispielsweise dazu führen, dass du einer Bewegung weiterhin misstraust oder einen Körperbereich anders belastest, obwohl das Gewebe längst wieder belastbar wäre.

Angst vor einer bestimmten Bewegung kann dazu führen, dass du ihr ausweichst und dadurch andere Bereiche stärker beanspruchst.

Anhaltender Stress, fehlende Erholung oder Schlafmangel können ebenfalls beeinflussen, wie empfindlich wir auf körperliche Belastungen und Schmerzen reagieren.

Deshalb reicht es bei länger bestehenden Beschwerden manchmal nicht, ausschliesslich Muskeln und Gelenke zu betrachten.

Wir müssen den Menschen betrachten, der diese Schmerzen erlebt.

Und manchmal führt uns das noch eine Ebene tiefer.

Was würde sich verändern, wenn es dir wirklich besser ginge?

Das klingt zunächst nach einer merkwürdigen Frage.

Natürlich möchtest du, dass es dir besser geht.

Bewusst zumindest.

Aber Veränderung kann auch bedeuten, gewohnte Rollen zu verlassen, Verantwortung für sich selbst zu übernehmen, Grenzen zu setzen oder sich anders zu entwickeln als Menschen, mit denen wir uns verbunden fühlen.

Dann kann es passieren, dass ein Mensch sehr genau weiss, was ihm guttun würde und trotzdem immer wieder an derselben Stelle aussteigt.

Hier interessiert mich nicht die Schuldfrage.

Mich interessiert:

Was macht die gewünschte Veränderung schwierig?

Manchmal finden wir dort Erfahrungen und Muster, die mit der aktuellen körperlichen Situation auf den ersten Blick überhaupt nichts zu tun haben.

Und genau deshalb lohnt es sich, hinzuschauen, statt sich einfach mangelnde Disziplin vorzuwerfen.

4. Dein Nervensystem reagiert empfindlicher auf Reize

Es gibt noch eine andere Möglichkeit.

Beschwerden können fortbestehen, obwohl eine ursprüngliche Verletzung längst verheilt ist.

Unser Nervensystem ist kein starres Kabelsystem. Seine Reaktion auf Reize kann sich verändern.

Ein Bereich kann beispielsweise empfindlicher auf Druck, Berührung oder Belastung reagieren als erwartet. Bei anhaltenden Schmerzen können dabei unterschiedliche periphere und zentrale Mechanismen eine Rolle spielen.

Das bedeutet wiederum nicht, dass der Schmerz eingebildet ist.

Der Schmerz ist real.

Doch die Stärke des Schmerzes lässt sich nicht automatisch mit dem Ausmass einer aktuellen Gewebeschädigung gleichsetzen.

In solchen Situationen kann es sinnvoll sein, nicht immer weiter nach einem vermeintlich noch unentdeckten Schaden zu suchen, sondern die Reizverarbeitung und Belastbarkeit des Systems mit einzubeziehen.

Gezielte manuelle und sensorische Reize können Teil meiner Arbeit sein, wenn ich die lokale Reizverarbeitung beeinflussen und anschliessend wieder mehr Bewegung und Belastung ermöglichen möchte.

Denn letztlich soll die Behandlung nicht dazu führen, dass du dauerhaft von meinen Händen abhängig wirst.

Das Ziel ist, dass du deinem Körper wieder mehr zutraust und ihn selbstständig benutzen und belasten kannst.

Welche dieser Erklärungen trifft auf dich zu?

Vielleicht keine davon allein.

Bei länger bestehenden Beschwerden können mehrere Faktoren gleichzeitig eine Rolle spielen.

Genau deshalb halte ich wenig davon, bereits vor einer ausführlichen Untersuchung zu entscheiden:

„Das ist deine Hüfte.“

„Das ist psychisch.“

„Du musst einfach mehr trainieren.“

oder:

„Da ist bestimmt noch etwas kaputt.“

Meine Arbeit beginnt mit einer anderen Frage:

Welche Erklärung passt zu dem, was dein Körper und dein Alltag tatsächlich zeigen und wo müssen wir unsere bisherige Hypothese hinterfragen?

Manchmal braucht es eine andere Übung.

Manchmal müssen wir an einer anderen Körperregion ansetzen.

Manchmal braucht ein empfindliches System eine andere Reizsetzung.

Und manchmal müssen wir verstehen, warum eine eigentlich gewünschte Veränderung immer wieder nicht ihren Weg in dein Leben findet.

Erst wenn wir das unterscheiden, können wir entscheiden, was der nächste sinnvolle Schritt ist.

Du hast bereits verschiedene Behandlungen ausprobiert und deine Beschwerden kommen trotzdem immer wieder?
In einer persönlichen Einordnung schauen wir gemeinsam auf deine Situation, deine bisherigen Erfahrungen und mögliche Zusammenhänge. Wir ordnen ein, wo es sich lohnt, genauer hinzuschauen und was für dich ein sinnvoller nächster Schritt sein kann.


Entdecke mehr von Karin Oss Eberle

Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert